Rot-ichweiß-Rot

Sturm über Deutschland

Am 24. September fegte die AfD übers Land, vorgestern das Sturmtief Xavier: entwurzelte Bäume, verzweifelte Parteisekretäre und aufgeregte Leitartikel  allenthalben. Die Kanzlerin ist nach wie vor entspannt, der erregte Kandidat fordert eine politische Diskussion ein, zu der er nichts Neues vorträgt – statt Zukunftsperspektiven zu präsentieren, zieht er sich lieber in den Schmollwinkel zurück. Gemäßigte Konservative und Liberale drängen auf die Freigabe von Cannabis für die Koalitionsverhandlungen, während die bayerische C-Gruppe eine offene rechte Flanke als Ursache für das schlechte Wahlergebnis dingfest gemacht hat. „No woman, no cry“ – womit Bob Marley gerade nicht meinte, dass es ohne Frau an der Spitze kein Geschrei gäbe. Denn wer, wenn nicht Angela wäre geeignet, eine Koalition aus lauter Alphatieren zusammen zu halten, denen es vor allem um die Durchsetzung der Partikularinteressen ihrer peer group geht: das Bierzelt ohne Flüchtlinge, Zahnersatz zum ermäßigten Mehrwertsteuersatz und E-SUVs mit Strom aus veganer Herstellung. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass Mutti den Seehofer Horst oder den Söder Markus beim Schaukeln abbremst, und aufpasst, dass der Tillich Stanislaw nicht rechts aus dem Karussell purzelt.

Die rechten Rabauken haben erreicht, was sie sich vorgenommen haben: Es traut sich schon keiner mehr, das Wort „Multikulti“ in den Mund zu nehmen oder für das Recht auf Asyl ohne Einschränkungen einzutreten – Grundgesetz hin oder her. Die AfD hat wohl von der FPÖ gelernt. Die treibt die anderen Parteien so vor sich vor, dass der smarte Außenminister gleich die gesamte frühere ÖVP programmatisch, organisatorisch und personell in eine populistische Kampftruppe verwandelt hat, die nur ein Ziel hat: Kurz zum Bundeskanzler zu machen und die – freilich nicht mehr vorhandene – ewig zweite konservative Partei zu alter Macht zurück zu führen.

Aussehen ist wichtiger als Argumente, daher hatte auch Frauke Petry trotz völkischem Nachwuchs keine Chance gegen Alice Weidel, die immer für ein Titelbild gut ist. Diese Medienstrategie lässt sich an der Haider-FPÖ anschaulich studieren: über Jahre druckte das Nachrichtenmagazin „News“ den Hetzer auf jeden zweiten Titel, bis auch der letzte Schwachmat im hintersten Tal ihn kannte. Was den Chefredakteur des FALTER veranlasste, ein Bilderverbot auszusprechen. Half auch nicht wirklich gegen die „Feschisten“ (© Armin Thurnher) – würde die FPÖ nur 12,6% erreichen, wäre in Österreich wohl von einem Linksruck die Rede …

Der Tiergarten sieht heute ziemlich verwüstet aus, aber die Spuren von Xavier werden wohl bald beseitigt sein. Die Grenzüberschreitungen der Hetzer von rechts werden uns länger begleiten und in endlosen Talkshows erörtert werden. Die Ursachen der Unzufriedenheit lassen sich aber weder durch Totschweigen noch durch Ausgrenzung beseitigen. Was wir dringend brauchen, ist eine Strategie, wie wir in einer veränderten Welt unseren Platz behaupten – jeder für sich und wir gemeinsam für unsere Heimat – das ist Demokratie und die ist verdammt anstrengend.